Gesprächskultur Blog

Warum nicht einmal kitschige Landschaften?

«Hindernisse sind nicht im Weg – sie SIND der Weg». Seit einigen Monaten gehe ich mit dieser Sicht durchs Leben, und erst vor Kurzem habe ich realisiert, dass die japanische Zen-Philosophie diese grossartige Erkenntnis vor hunderten von Jahren bereits in Worte gefasst hat. Hindernisse sind der Weg. Eine Freundin brauchte mich auf Zen, als sie mich erzählen hörte, wie ich die letzten zwei, drei schwierigen Umstände tapfer zu meistern versuche – berufliche wie private. Abschnitte auf meinem Lebensweg, wie Sie sie auch kennen.

Hindernissen zu begegnen oder sie auszuräumen ist anstrengend, und ich gebe zu: Manchmal fehlt mir einfach die Kraft. Das Leben hat wahrlich genügend davon bereitgestellt. Doch vergesse ich manchmal, dass da nicht nur Steine oder Felsbrocken liegen – am Wegrand blühen auch Blumen, duften Kräuter, zeigen sich malerische Landschaften, betören uns das Summen von Bienen oder das Plätschern eines Bergbachs. Es gibt genug Begegnungen und Erlebnisse, die uns mit Kraft versorgen, uns Mut machen, uns ein Lächeln ins Gesicht zaubern – wenn wir sie denn sehen, hören, riechen und spüren.

Diese Erkenntnis nehme ich mit ins neue Jahr, versuche, mit Mut und Neugierde den Herausforderungen zu begegnen, von denen ich heute noch nichts weiss. Und ich hoffe, dass ich anderen die blühende Blume, das duftende Kraut, die summende Biene oder der plätschernde Bach sein kann. Was für eine wunderschöne Landschaft könnten wir kreieren, würde uns das gemeinsam gelingen. Schon fast kitschig. So gesehen würde mir eine kitschige Welt durchaus gut gefallen.

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An alle Journalistinnen und Konzernchefs, die es wirklich wissen wollen

Lonza lässt seit 50 Jahren aus seinem Werk in Visp eine exorbitant hohe Konzentration des klimaschädlichen Lachgases in die Atmosphäre ausströmen – seit 2018 ist dem Konzern das Leck bekannt. Die Installation eines Katalysators, der den Schaden um 98 % der bisherigen Menge reduziert, verzögert sich um Monate, weil Lonza maximal vom CO2-Emissionshandel profitieren will. Dies geht aus dem Bericht des Journalisten Christoph Lenz hervor. Er schreibt, dass der Konzern 12 Millionen für ein Ende der Klimakatastrophe investiert, und gleichzeitig Zertifikate einstreicht, die ihm 35 Millionen in die Kasse spülen. Gutes Geschäft, so ein Klimaschaden. Auch das Bundesamt für Umwelt BafU und nicht zuletzt natürlich das fragwürdige Emissionshandels-System spielen laut Lenz eine entscheidende Rolle für diesen Skandal.

Schlimm genug. Hinzu kommt, dass Lonza im Geschäftsbericht kein Wort über den Ausstoss von 60’0000 Tonnen CO2-Äquivalenten verliert. Die Aktionär/innen und die gesamte Öffentlichkeit  werden darüber hinweggetäuscht, dass Lonza doppelt so klimaschädlich ist als vorgegeben. Ist das kriminell?

Klar scheint: Wasser predigen und Wein trinken lohnt sich, denn Lonza wurde in der Öffentlichkeit in jüngerer Vergangenheit als fortschrittlicher Konzern in der Klimapolitik wahrgenommen. Der Fall bestätigt leider marktkritische Aktivist/innen, die Konzerne bezichtigen, imagefördernde Hochglanz-Nachhaltigkeitsbroschüren zu publizieren, während sie sich hinter den Kulissen einen Deut um das Klima scheren, und stattdessen viel Zeit in Verhandlungen stecken, um unmoralische Geschäfte profitabler zu machen.

Wir haben in der Schweiz im November über die Konzernverantwortung abgestimmt. Das Ständemehr hat die Initiative zu Fall gebracht. Das Beispiel zeigt deutlich: Die Konzernverantwortung bleibt ein aktuelles Thema und muss genau beobachtet werden. Aber was – wenn nicht der verbindliche Geschäftsbericht – kann einer seriösen Beurteilung dienen? Es sind die Journalist/innen, die NGOs und beherzte Mitarbeitende, oder auch Konzernchef/innen, die als Vorbilder mit echtem Engagement vorangehen. Vielen Dank dafür.

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Perspektivenwechsel – das neue Erfolgsrezept

Neue Arbeitswelten oder auch New Work genannt, legen rasant an Bedeutung zu, weil ja nichts mehr ist, wie es war. Weder für Kunden noch für Geschäftspartnerinnen, weder für Startupperinnen noch für etablierte Unternehmer. Wir müssen uns neu erfinden, und das ist die schöne Seite, die uns die Corona-Katastrophe beschert.

Ich habe mich in diesem Jahr oft gefragt, warum es mir so wohl ist in meiner eigenen Arbeitswelt. Und ich habe die Antwort gefunden. Ich bin als Teilselbstständige und Teilzeitangestellte ständig dem Perspektivenwechsel ausgesetzt, sowohl in meiner Rolle als Führungskraft als auch als Auftragnehmerin: Ich lerne einerseits ständig dazu, und ich kann andererseits viel Wissen und Erfahrung weitergeben. Meine Aufgaben zwingen mich, laufend die Perspektive zu wechseln, und eine gewisse Sensibilität für unterschiedliche Arbeitsrealitäten zu entwickeln: Anweisungen befolgen – Aufträge erteilen, profitieren von der Entscheidungsfreude einer Chefin – Entscheidungsverantwortung und Verantwortung für Mitarbeitende übernehmen. Mal unterordnen und vielleicht zähneknirschend einen Entscheid von oben akzeptieren – mal selber ein notwendiges Machtwort sprechen und wissen, dass ich mich als Boss gerade unbeliebt mache.

Ich lerne, dass ein Perspektivenwechsel heilsam ist. Er schützt davor, eine unreflektierte Haltung einzunehmen, wie etwa: «Die da oben nehmen uns gar nicht ernst», oder: «Warum begreifen die da unten nicht, dass ich es besser weiss?».

Wir verändern den Blick zum «Oben oder Unten» hin zum «Gegenüber». Wir ziehen am gleichen Strick, nur gemeinsam können wir erfolgreich sein. Wir artikulieren uns als Mitarbeitende, werden gehört und im besten Fall sogar verstanden. Als Chefinnen und Chefs müssen wir nicht alles besser wissen, und können uns vom Druck der Verantwortung entlasten.

Ein gutes Beispiel für dieses Miteinander ist das Unternehmen «Freitag», das allen Mitarbeitenden einen Teil der Verantwortung überträgt. Es gibt keine klassische Führungsriege, jede und jeder versteht sich als wertvollen Teil eines grossen Ganzen – eines erfolgreichen grossen Ganzen notabene.

Eine ermutigende Erfahrung machte kürzlich meine 18-jährige Tochter, als sie als Kauffrau in Ausbildung ihre ALS-Arbeit präsentierte. Auch der Direktor des Unternehmens war dabei und hörte interessiert zu. Am Schluss bat er sie um ihre Expertise: «Helfen Sie uns, unser Unternehmen voranzubringen und machen Sie uns Vorschläge, wie wir ältere Mitarbeitende gut in die neue digitale Arbeitswelt mitnehmen können.» Er lobte damit nicht nur ihre Arbeit und ihren Wert für das Unternehmen, sondern sprach eine Lernende sogleich als angehende Führungskraft an. Mehr Anerkennung und Motivation kann ein Chef, der sich als Teil eines Ganzen sieht, kaum ausdrücken.

Vorbei ist die Zeit, in der sich die einen als Alphatiere verstehen, und die anderen als Lemminge hinterhertrotten. Perspektivenwechsel ist die neue Arbeitswelt. Das verlangt viel ab, sowohl von den Alphatieren, als auch von den Lemmingen. Aber es ermöglicht eine Wirtschaft, welche die Kompetenzen des und der Einzelnen gewinnbringend einsetzt, davon können alle nur profitieren.

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Freiwilligkeit reicht nicht

Gerade das aktuelle Beispiel mit dem Lonza-Konzern, der seit Jahren wissentlich klimaschädliches Gas in exorbitanten Mengen in die Luft lässt, zeige, dass Freiwilligkeit nicht reicht, wenn es um Verantwortung geht, schreibt Karin Landolt. Deshalb brauche es die Konzernverantwortungsinitiative. Die vielen Unternehmen, die heute schon sorgfältig arbeiteten, könnten davon nur profitieren.

Es gibt keinen Konzern, der willentlich und mit böser Absicht Menschenrechte oder Umweltgesetze mit Füssen tritt. Zumindest wäre dies eine grobe Unterstellung und auf diesem Niveau muss auch nicht diskutiert werden, denn es geht nicht um die Kriminalisierung der Wirtschaft.

Es geht um Situationen, vor denen wir Kundinnen, Investoren, Zulieferer, Aktionärinnen, Mitarbeiter oder Unternehmerinnen lieber die Augen verschliessen, da uns ein Schnäppchen, ein Gewinn, ein Erfolg, ein Bonus entgehen könnte. Sonst müssten Leiharbeiter im nordwestindischen Bundesstaat Chhattisgarh und die dortige Bevölkerung nicht jahrelang gegen Enteignung durch die mächtige Industrie kämpfen. Nur dank einer Beschwerde bei der OECD hat sich der dort produzierende Zementkonzern LafargeHolcim zum Dialog bewegen lassen. Lonza lässt seit Jahren aus seinem Werk in Visp eine exorbitant hohe Konzentration des klimaschädlichen Lachgases in die Atmosphäre ausströmen – vergleichbar mit der Menge der gesamten Schweizer Verkehrsabgase. Gehandelt wird erst, wenn sich der Bund an der Behebung der Katastrophe finanziell beteiligt. Nestlé besitzt im US-Staat Michigan die Rechte für Grundwasser, ohne sich an vereinbarte Leistungen zugunsten der Bevölkerung zu halten, andere Interessen scheinen wichtiger zu sein. Wir alle wissen von gesundheitsschädigenden Abbaumethoden durch in der Schweiz ansässige Rohstoffkonzerne, welche in fernen Ländern die lokale Bevölkerung und die Umwelt trotz jahrelanger Kämpfe ertragen, damit bei uns die neuesten Handys und die besten Technologien auf dem Markt landen.

Schutz für vorbildliche Unternehmen

Es gibt sie natürlich, Unternehmen, die nicht auf dem Blut der Entrechteten ihren Erfolg aufbauen. Es ist die grosse Mehrheit – so meine und hoffe ich – die ihre Wertschöpfungskette auf allfällige Ungereimtheiten prüft und hellhörig wird, wenn der Preis im Vergleich zur Leistung in krassem Missverhältnis steht.

Neben der Verbesserung der betroffenen Arbeiter, Kinder oder Regionen, denen mit der Konzernverantwortungsinitiative eine juristische Handhabe gereicht wird, profitieren also all jene Unternehmen, die bisher ihre Corporate Responsibility nicht alleine als Imagefaktor betrachten. Es profitiert eine Schweiz, die auf der humanitären Tradition weiterbauend als wegweisende Volkswirtschaft auftreten kann, und einer modernen globalen Wirtschaft die nachhaltige und faire Richtung zeigt. Oder soll die Schweiz hinterherhinken und irgendwann die schärferen Gesetze, die andere europäische Länder anstreben, im Zugzwang übernehmen müssen? Nein, solche Szenarien haben wir noch nie gemocht.

Es geht um Signalwirkung

Gegen ein Schweizer Unternehmen zu klagen wird auch mit der Annahme der Initiative schwierig, die Hürden dafür sind enorm hoch. Es wird keine Flut von Klagen gegen die Schweiz geben. Aber allein die geschaffene Möglichkeit dafür wird Konzerne dazu bewegen, handfeste Kontrollmechanismen einzurichten, sodass es gar nicht erst zu Menschenrechtsverstössen und Umweltschäden durch Ignoranz kommt. Ignoranz bleibt solange auf dem Tapet, solange es keine juristische Handhabe gibt.

Wie schön wäre es, wenn es freiwillig funktionieren würde.

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Menschenwürdiges Wirtschaften lässt sich schlecht als innovativ verkaufen

Sie kennen den Begriff «Cleantech». Cleantech ist im Trend, Cleantech heisst Innovation und erfolgsversprechende Businessmodelle mit ressourcenschonenden Technologien und Dienstleistungen.

Klingt vielversprechend und verheisst eine umweltverträgliche Wirtschaft, eine saubere Weste ohne idealistische Verzichtsleistung. Auch Aktionärinnen und Aktionäre investieren gerne, ja immer mehr, in Cleantech-Unternehmen (laut Verband Swiss Sustainable Finance waren es letztes Jahr 1,16 Billionen Franken) und liefern frisches Kapital für die Weiterentwicklung von innovativen Produkten mit geringem CO2-Ausstoss. Das Cleantech-Label lässt sich gut vermarkten. So weit so gut.

Cleantech könnte auch weiter gefasst werden: als saubere Weste im Umgang mit der Menschenwürde, insbesondere in unterentwickelten Produktionsländern, wo Menschenrechte und ein funktionierender Rechtsstaat oft nicht garantiert sind. Innovation in Bezug auf Menschenwürde lässt sich jedoch aus ethischen Gründen schlecht vermarkten. Ein Slogan wie «Neue Rezeptur ganz ohne Kinderarbeit», klingt beschämend und ist kontraproduktiv, denn eine Kundin oder ein Kunde setzt solches als selbstverständlich voraus. Alles andere ist dreckig, unclean, unethisch, und noch imageschädigender als eine schlechte Umweltbilanz.

Auch Aktionärinnen und Aktionäre tragen Verantwortung. Den meisten Anlegerinnen und Anlegern ist eine menschenwürdige und nachhaltige Wirtschaft wichtig, niemand will eine Dividende auf dem Buckel von rechtlosen Arbeitern oder Regenwaldabholzung ausgeschüttet haben. Sei es aus Gewissensgründen, sei es, weil dreckiges Wirtschaften dem Image des Unternehmens schadet, in das sie investieren; denn dreckiges Wirtschaften kann Strafverfahren und langwierige Prozesse mit sich bringen, unter welchem letztlich auch Anlegerinnen und Investoren zu leiden haben.

Unternehmen bewerben heute Innovation mit hohen Umweltstandards. Menschenwürdiges Verhalten lässt sich hingegen schlecht als innovativ verkaufen. Sie sind darum gut beraten, die Konzernverantwortungsinitiative mitzutragen. Diesen neuen, moderaten ethischen Standard mitzutragen macht sie glaubwürdiger, als wenn sie die Konkurrenz mit teuren Greenwashing-Hochglanzbroschüren auszustechen und die Verantwortung der Konzerne mit fadenscheinigen Ausreden zu verwedeln versuchen. Andernfalls muss die Konsumentin oder der Anleger davon ausgehen, dass sie es nicht ernst meinen, mit Drecksgeschäften, die sich in der Wertschöpfungskette verbergen könnten, aufzuräumen.

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Berufschulen – die neuen Elite-Schulen?

Während des Lockdowns hatten wir alle die Chance, überraschende Erkenntnisse zu gewinnen. Ich will Ihnen eine meiner Beobachtungen verraten, die mich erstaunte, und doch nicht so sehr überraschte.

Als Mutter zweier Töchter hatte ich die einmalige Gelegenheit, zwei schulische Institutionen im Krisenmodus zu vergleichen. Die Jüngere besucht die Kantonsschule, die Ältere absolviert eine Berufslehre mit Berufsmatur an einer Wirtschaftsschule. Beide Schulen mussten quasi über Nacht ihre digitalen Unterrichtsangebote hochfahren und bekamen gleichzeitig die Gelegenheit, Ehrgeiz und Kompetenz in Bezug auf ihren Bildungsauftrag an den Tag zu legen.

Die Wirtschaftsschule schaffte es, nahtlos an den Präsenzunterricht und pünktlich Montagmorgens um 7.40 h mit der ersten virtuellen Homeoffice-Lektion loszulegen, der Umfang des Schulstoffes stand den bisherigen Anforderungen in nichts nach. Hinzu kam das sofortige Einüben der Selbstorganisation, denn die zwei vollgepackten Schultage plus Hausaufgaben muss meine Tochter ja neben der regulären Arbeitszeit im Lehrbetrieb bewältigen.

Die gymnasiale Schulleitung liess sich Zeit und lieferte nach Tagen des schulischen Nichtstuns endlich erste Anweisungen. Meiner Gymi-Tochter wird seither in homöopathischen Dosen die Allgemeinbildung eingeträufelt, oft macht sie sich schon am Mittwoch Sorgen darüber, was sie bis Freitag noch tun könnte. Und sie ist notabene keine Wunder-Schülerin.

Nun möchte ich keiner Schule einen Vorwurf machen, ich stelle nur fest, dass die Berufsschule ihren Auftrag im unternehmerischen Sinne wahrnimmt. Antriebsfeder sind wohl auch die mitfinanzierenden Lehrbetriebe, denn Zeit ist Geld. Die Kantonsschule ist vom Staat und damit von Steuergeldern getragen, nennt sich Elite-Schmiede und leistet sich die Zeit, die sie braucht. Sie könnte allenfalls mit einer besseren Qualität argumentieren, dies wäre allerdings zu beweisen.

Das Beschriebene ist eine individuelle Beobachtung und soll nicht als Kritik an unserem Bildungssystem herhalten. Als Verfechterin der dualen Bildung liefert sie mir aber weitere Gründe, um mich für die bessere Anerkennung der Berufsbildung stark zu machen. Sie zeigt, was sie – selbst in der Krise – zu leisten fähig ist, und wie gut sie junge Menschen fürs Berufsleben vorbereitet.

Die Ansicht, nur Gymis seien Elite-Schmieden, ist veraltet.

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Zurück zur Normalität? Bitte nicht!

«In was für einem System leben wir, wenn der Schutz der Gesundheit zur Krise führt, aber die Ausbeutung von endlichen Ressourcen, die Umweltverschmutzung und die Sklavenarbeit in Billiglohnländern zu einem funktionierenden System gehören?» – Diesen Satz habe ich kürzlich gelesen, und er hat mich sehr bewegt.

Wir wünschen uns die Normalität zurück, dass unser System wieder funktioniert. Doch haben wir alle auch gemerkt, dass die angebliche Normalität alles andere als normal ist. Sie ist bequeme Gewohnheit. Für unseren Wohlstand beuten wir aus. Und doch fällt es schwer, diesen Wohlstand aufzugeben. Wir wollen zurück in die Komfortzone, den Preis dafür zahlen wollen wir nicht.

Wir merken gleichzeitig, dass gerade die aussergewöhnliche Lage Unmögliches möglich macht. Der allgemeine Wohlstand lässt sich auch mit Mass fortsetzen. Biologisch angebautes Gemüse und weniger Fleisch konsumieren, den Verkehr mit Homeoffice drosseln, mehr auf die Gesundheit achten, weniger Fliegen, denn die Natur in der Umgebung bietet uns mehr Genuss und Erholung, als wir dachten. Die Tourismusbranche leidet, ja. Dafür kann das lokale Gewerbe profitieren. Die Wirtschaft bricht mittelfristig nicht zusammen, sie verändert sich nur, und gibt neuen Geschäftsideen eine Chance. Althergebrachte Branchen müssen sich neu erfinden, warum denn nicht? Der Lockdown gibt uns – den einschränkenden Massnahmen zum Trotz – die Möglichkeit, die Welt und die Wirtschaft anders zu betrachten.

Wenn ein solcher Ruck auch durch die Grossen der Wirtschaft geht, wird die Idee einer vielversprechenden Welt greifbar nah: Ressourcen werden sparsamer eingesetzt, erneuerbare Energie löst die dreckig-fossile ab, die Bevölkerung in Drittweltländern wird einbezogen statt ausgebeutet, systemrelevante Jobs werden honoriert statt schamlose Boni-Summen ausbezahlt. UBS, Nestlé, LafargeHolcim & Co.: Nichts gegen Geld verdienen. Aber nutzt die Gunst der Stunde und tragt bei zu einer blühenden Zukunft und zum sozialen Frieden. Tragt dazu bei, dass wir in eine Wirtschafts-Normalität finden, die auch den Namen «Normalität» verdient. Der grösste Hebel liegt in eurer Hand.

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Frauen in Chefetagen bereichern und «stören»

Quotenfrage Firmen, die keine Frauenquoten einführen und keine Quotenfrauen einstellen wollen, sollten ihre Strukturen hinterfragen.

Die Recherche des «Landboten» letzte Woche bei den grössten lokalen Arbeitgebern brachte Ernüchterndes zutage: Der Anteil der Frauen in den obersten Chefetagen liegt zurzeit bei 7,4 Prozent. Im schweizweiten Vergleich mit mageren 9 Prozent steht Winterthur sogar noch schlechter da.

Das Problem ist offensichtlich und unbestritten. Der Wille, etwas zu verbessern, scheint aber nicht gross. Wirtschaftskreise lehnen die Quotenregelung ab mit dem – auch von Frauen unterstützten – Argument, dass keine Frau eine «Quotenfrau» sein wolle. Oder dass sich trotz Bemühungen keine Frauen finden liessen.

Damit ist das Thema aber nicht erledigt. Im Gegenteil. Firmen müssten sich ernsthaft sorgen, warum sich die Lage nicht bessert. Die Frage lautet: Warum nur funktioniert die Rekrutierung von Frauen in der Führungsetage einfach nicht? Gewiss ist das unzureichende Kinderbetreuungsangebot mitverantwortlich, dass Frauen hoch dotierte und zeitintensive Jobangebote ablehnen. Und junge Väter, die bei der Betreuungsarbeit anpacken, sind noch in der Minderheit. Doch es wächst hier immerhin ein Bewusstsein, die Lage könnte sich bald entschärfen.

Nicht so in mancher Chefetage, wo männlich geprägte Spielregeln tief verankert sind, vom hierarchiebetonten Auftreten über den mangelnden Willen, Macht zu teilen, bis zur ritualisierten Kumpanei. Tatsächlich, wer Frauen in die Führungsriege einlädt, läuft Gefahr, dass diese Kultur hinterfragt wird, weil Frauen unter Gestaltung und Mitsprache möglicherweise etwas anderes verstehen. Bisherige Spielregeln könnten umgestossen werden – unter anderem auch reflexartig abwertende Kommentare über ungewohnte Ideen der Kollegin. Und wenn es die einzige Alibifrau im Betrieb nicht schafft, etwas Diversität hineinzubringen, nimmt sie bald ihren Hut, oder sie verstummt als chronisch Unterlegene und einsame Ruferin in der Wüste.

Der weibliche Führungsstil ist nicht besser, er ist anders. Dass es dafür das nötige Gehör braucht, ist in manchen Chefetagen noch nicht angekommen. Wer in der weiblichen Führungsstärke einen Störfaktor oder eine Gefahr sieht, vergisst die höheren Interessen, etwa die Beweglichkeit und die Zukunftstauglichkeit des eigenen Unternehmens. «Ein anderer Wind» heisst in der Regel «frischer Wind» – Frischluft, die sich auf das ganze Unternehmen meist positiv auswirkt. Dies zu erkennen, setzt Offenheit gegenüber anderen Denkansätzen voraus. Es erfordert die Bereitschaft, Macht zu teilen.

Es gibt Unternehmer und Manager, die das begriffen haben, die einer Frau im Zweifelsfall gerne eine noch nicht bewiesene Kompetenz zutrauen – wie es unter manchen Männern üblich ist –, statt sie ihr präventiv abzusprechen. Leider sind auch sie noch in der Minderheit.

Wer verstanden hat, dass Diversität in der Führungsriege wichtig ist für den – wissenschaftlich belegten – Erfolg eines Unternehmens und dennoch nicht fündig wurde bei der Besetzung eines Topjobs, sollte es mit neuen Strategien und Entschlossenheit versuchen. Könnte es sein, dass das bisherige Rekrutierungsverfahren nichts taugt? Nicht mehr ganz neue Studien zeigen, dass viele Frauen sich trotz gleicher Qualifikation weniger zutrauen als Männer und sich an den Netzwerkanlässen und in Bewerbungsverfahren weniger vordrängen. Unternehmen müssen sie aktiv suchen, sie vielleicht zwei- oder sogar dreimal bitten, um ihnen klarzumachen, dass sie in der Teppichetage erwünscht sind. Falls sie es denn sind.

Eine Geschäftsleitung, die sich diesen Effort nicht leisten will, setzt sich zu Recht dem Verdacht aus, an einer Veränderung wenig interessiert zu sein. Hier kann nur die Frauenquote zum Umdenken verhelfen. Die Frauen wären in einem solchen Fall gefordert und sollten sich vom Attribut «Quotenfrau» nicht abschrecken lassen, denn sie haben die Gelegenheit, der Führung das Gegenteil zu beweisen, auch wenn sie hier und da «stören» mögen.

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Mandela, Gandhi – Greta?

Greta ist in London, gepostet auf Instagram. Greta ist in Reykjavik, in Rom, Mumbai, New York. New York?! Hallo? Greta fliegt also doch und predigt uns gleichzeitig die nackte Panik vor dem zerstörerischen Klimawandel? Undenkbar. Die Ikone, Vorbild einer ganzen Generation, unerschütterlicher Fels in der Brandung gegen Klimaleugner, kann und darf sich Fehltritte dieser Art nicht leisten.

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Klimaschutz ist Mainstream – die Next Generation wird urteilen, ob das genügt

Am 4. Januar durfte ich 20 Jahre rauchfrei feiern. Seit einem Jahr habe ich kein Auto mehr, ich achte seit sieben Jahren auf bewusste Ernährung und meine Bilanz bezüglich Wiederverwertung der gekauften Lebensmittel (sprich aktives Engagement gegen Foodwaste) und der Eigenproduktion von Gemüse lassen sich sehen. Im Bereich Strom- und Wasserverbrauch bin ich definitiv noch nicht auf Kurs, aber man/frau darf sich ja noch verbessern.

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