Gesprächskultur Blog

Menschenwürdiges Wirtschaften lässt sich schlecht als innovativ verkaufen

Sie kennen den Begriff «Cleantech». Cleantech ist im Trend, Cleantech heisst Innovation und erfolgsversprechende Businessmodelle mit ressourcenschonenden Technologien und Dienstleistungen.

Klingt vielversprechend und verheisst eine umweltverträgliche Wirtschaft, eine saubere Weste ohne idealistische Verzichtsleistung. Auch Aktionärinnen und Aktionäre investieren gerne, ja immer mehr, in Cleantech-Unternehmen (laut Verband Swiss Sustainable Finance waren es letztes Jahr 1,16 Billionen Franken) und liefern frisches Kapital für die Weiterentwicklung von innovativen Produkten mit geringem CO2-Ausstoss. Das Cleantech-Label lässt sich gut vermarkten. So weit so gut.

Cleantech könnte auch weiter gefasst werden: als saubere Weste im Umgang mit der Menschenwürde, insbesondere in unterentwickelten Produktionsländern, wo Menschenrechte und ein funktionierender Rechtsstaat oft nicht garantiert sind. Innovation in Bezug auf Menschenwürde lässt sich jedoch aus ethischen Gründen schlecht vermarkten. Ein Slogan wie «Neue Rezeptur ganz ohne Kinderarbeit», klingt beschämend und ist kontraproduktiv, denn eine Kundin oder ein Kunde setzt solches als selbstverständlich voraus. Alles andere ist dreckig, unclean, unethisch, und noch imageschädigender als eine schlechte Umweltbilanz.

Auch Aktionärinnen und Aktionäre tragen Verantwortung. Den meisten Anlegerinnen und Anlegern ist eine menschenwürdige und nachhaltige Wirtschaft wichtig, niemand will eine Dividende auf dem Buckel von rechtlosen Arbeitern oder Regenwaldabholzung ausgeschüttet haben. Sei es aus Gewissensgründen, sei es, weil dreckiges Wirtschaften dem Image des Unternehmens schadet, in das sie investieren; denn dreckiges Wirtschaften kann Strafverfahren und langwierige Prozesse mit sich bringen, unter welchem letztlich auch Anlegerinnen und Investoren zu leiden haben.

Unternehmen bewerben heute Innovation mit hohen Umweltstandards. Menschenwürdiges Verhalten lässt sich hingegen schlecht als innovativ verkaufen. Sie sind darum gut beraten, die Konzernverantwortungsinitiative mitzutragen. Diesen neuen, moderaten ethischen Standard mitzutragen macht sie glaubwürdiger, als wenn sie die Konkurrenz mit teuren Greenwashing-Hochglanzbroschüren auszustechen und die Verantwortung der Konzerne mit fadenscheinigen Ausreden zu verwedeln versuchen. Andernfalls muss die Konsumentin oder der Anleger davon ausgehen, dass sie es nicht ernst meinen, mit Drecksgeschäften, die sich in der Wertschöpfungskette verbergen könnten, aufzuräumen.

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Berufschulen – die neuen Elite-Schulen?

Während des Lockdowns hatten wir alle die Chance, überraschende Erkenntnisse zu gewinnen. Ich will Ihnen eine meiner Beobachtungen verraten, die mich erstaunte, und doch nicht so sehr überraschte.

Als Mutter zweier Töchter hatte ich die einmalige Gelegenheit, zwei schulische Institutionen im Krisenmodus zu vergleichen. Die Jüngere besucht die Kantonsschule, die Ältere absolviert eine Berufslehre mit Berufsmatur an einer Wirtschaftsschule. Beide Schulen mussten quasi über Nacht ihre digitalen Unterrichtsangebote hochfahren und bekamen gleichzeitig die Gelegenheit, Ehrgeiz und Kompetenz in Bezug auf ihren Bildungsauftrag an den Tag zu legen.

Die Wirtschaftsschule schaffte es, nahtlos an den Präsenzunterricht und pünktlich Montagmorgens um 7.40 h mit der ersten virtuellen Homeoffice-Lektion loszulegen, der Umfang des Schulstoffes stand den bisherigen Anforderungen in nichts nach. Hinzu kam das sofortige Einüben der Selbstorganisation, denn die zwei vollgepackten Schultage plus Hausaufgaben muss meine Tochter ja neben der regulären Arbeitszeit im Lehrbetrieb bewältigen.

Die gymnasiale Schulleitung liess sich Zeit und lieferte nach Tagen des schulischen Nichtstuns endlich erste Anweisungen. Meiner Gymi-Tochter wird seither in homöopathischen Dosen die Allgemeinbildung eingeträufelt, oft macht sie sich schon am Mittwoch Sorgen darüber, was sie bis Freitag noch tun könnte. Und sie ist notabene keine Wunder-Schülerin.

Nun möchte ich keiner Schule einen Vorwurf machen, ich stelle nur fest, dass die Berufsschule ihren Auftrag im unternehmerischen Sinne wahrnimmt. Antriebsfeder sind wohl auch die mitfinanzierenden Lehrbetriebe, denn Zeit ist Geld. Die Kantonsschule ist vom Staat und damit von Steuergeldern getragen, nennt sich Elite-Schmiede und leistet sich die Zeit, die sie braucht. Sie könnte allenfalls mit einer besseren Qualität argumentieren, dies wäre allerdings zu beweisen.

Das Beschriebene ist eine individuelle Beobachtung und soll nicht als Kritik an unserem Bildungssystem herhalten. Als Verfechterin der dualen Bildung liefert sie mir aber weitere Gründe, um mich für die bessere Anerkennung der Berufsbildung stark zu machen. Sie zeigt, was sie – selbst in der Krise – zu leisten fähig ist, und wie gut sie junge Menschen fürs Berufsleben vorbereitet.

Die Ansicht, nur Gymis seien Elite-Schmieden, ist veraltet.

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Zurück zur Normalität? Bitte nicht!

«In was für einem System leben wir, wenn der Schutz der Gesundheit zur Krise führt, aber die Ausbeutung von endlichen Ressourcen, die Umweltverschmutzung und die Sklavenarbeit in Billiglohnländern zu einem funktionierenden System gehören?» – Diesen Satz habe ich kürzlich gelesen, und er hat mich sehr bewegt.

Wir wünschen uns die Normalität zurück, dass unser System wieder funktioniert. Doch haben wir alle auch gemerkt, dass die angebliche Normalität alles andere als normal ist. Sie ist bequeme Gewohnheit. Für unseren Wohlstand beuten wir aus. Und doch fällt es schwer, diesen Wohlstand aufzugeben. Wir wollen zurück in die Komfortzone, den Preis dafür zahlen wollen wir nicht.

Wir merken gleichzeitig, dass gerade die aussergewöhnliche Lage Unmögliches möglich macht. Der allgemeine Wohlstand lässt sich auch mit Mass fortsetzen. Biologisch angebautes Gemüse und weniger Fleisch konsumieren, den Verkehr mit Homeoffice drosseln, mehr auf die Gesundheit achten, weniger Fliegen, denn die Natur in der Umgebung bietet uns mehr Genuss und Erholung, als wir dachten. Die Tourismusbranche leidet, ja. Dafür kann das lokale Gewerbe profitieren. Die Wirtschaft bricht mittelfristig nicht zusammen, sie verändert sich nur, und gibt neuen Geschäftsideen eine Chance. Althergebrachte Branchen müssen sich neu erfinden, warum denn nicht? Der Lockdown gibt uns – den einschränkenden Massnahmen zum Trotz – die Möglichkeit, die Welt und die Wirtschaft anders zu betrachten.

Wenn ein solcher Ruck auch durch die Grossen der Wirtschaft geht, wird die Idee einer vielversprechenden Welt greifbar nah: Ressourcen werden sparsamer eingesetzt, erneuerbare Energie löst die dreckig-fossile ab, die Bevölkerung in Drittweltländern wird einbezogen statt ausgebeutet, systemrelevante Jobs werden honoriert statt schamlose Boni-Summen ausbezahlt. UBS, Nestlé, LafargeHolcim & Co.: Nichts gegen Geld verdienen. Aber nutzt die Gunst der Stunde und tragt bei zu einer blühenden Zukunft und zum sozialen Frieden. Tragt dazu bei, dass wir in eine Wirtschafts-Normalität finden, die auch den Namen «Normalität» verdient. Der grösste Hebel liegt in eurer Hand.

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Frauen in Chefetagen bereichern und «stören»

Quotenfrage Firmen, die keine Frauenquoten einführen und keine Quotenfrauen einstellen wollen, sollten ihre Strukturen hinterfragen.

Die Recherche des «Landboten» letzte Woche bei den grössten lokalen Arbeitgebern brachte Ernüchterndes zutage: Der Anteil der Frauen in den obersten Chefetagen liegt zurzeit bei 7,4 Prozent. Im schweizweiten Vergleich mit mageren 9 Prozent steht Winterthur sogar noch schlechter da.

Das Problem ist offensichtlich und unbestritten. Der Wille, etwas zu verbessern, scheint aber nicht gross. Wirtschaftskreise lehnen die Quotenregelung ab mit dem – auch von Frauen unterstützten – Argument, dass keine Frau eine «Quotenfrau» sein wolle. Oder dass sich trotz Bemühungen keine Frauen finden liessen.

Damit ist das Thema aber nicht erledigt. Im Gegenteil. Firmen müssten sich ernsthaft sorgen, warum sich die Lage nicht bessert. Die Frage lautet: Warum nur funktioniert die Rekrutierung von Frauen in der Führungsetage einfach nicht? Gewiss ist das unzureichende Kinderbetreuungsangebot mitverantwortlich, dass Frauen hoch dotierte und zeitintensive Jobangebote ablehnen. Und junge Väter, die bei der Betreuungsarbeit anpacken, sind noch in der Minderheit. Doch es wächst hier immerhin ein Bewusstsein, die Lage könnte sich bald entschärfen.

Nicht so in mancher Chefetage, wo männlich geprägte Spielregeln tief verankert sind, vom hierarchiebetonten Auftreten über den mangelnden Willen, Macht zu teilen, bis zur ritualisierten Kumpanei. Tatsächlich, wer Frauen in die Führungsriege einlädt, läuft Gefahr, dass diese Kultur hinterfragt wird, weil Frauen unter Gestaltung und Mitsprache möglicherweise etwas anderes verstehen. Bisherige Spielregeln könnten umgestossen werden – unter anderem auch reflexartig abwertende Kommentare über ungewohnte Ideen der Kollegin. Und wenn es die einzige Alibifrau im Betrieb nicht schafft, etwas Diversität hineinzubringen, nimmt sie bald ihren Hut, oder sie verstummt als chronisch Unterlegene und einsame Ruferin in der Wüste.

Der weibliche Führungsstil ist nicht besser, er ist anders. Dass es dafür das nötige Gehör braucht, ist in manchen Chefetagen noch nicht angekommen. Wer in der weiblichen Führungsstärke einen Störfaktor oder eine Gefahr sieht, vergisst die höheren Interessen, etwa die Beweglichkeit und die Zukunftstauglichkeit des eigenen Unternehmens. «Ein anderer Wind» heisst in der Regel «frischer Wind» – Frischluft, die sich auf das ganze Unternehmen meist positiv auswirkt. Dies zu erkennen, setzt Offenheit gegenüber anderen Denkansätzen voraus. Es erfordert die Bereitschaft, Macht zu teilen.

Es gibt Unternehmer und Manager, die das begriffen haben, die einer Frau im Zweifelsfall gerne eine noch nicht bewiesene Kompetenz zutrauen – wie es unter manchen Männern üblich ist –, statt sie ihr präventiv abzusprechen. Leider sind auch sie noch in der Minderheit.

Wer verstanden hat, dass Diversität in der Führungsriege wichtig ist für den – wissenschaftlich belegten – Erfolg eines Unternehmens und dennoch nicht fündig wurde bei der Besetzung eines Topjobs, sollte es mit neuen Strategien und Entschlossenheit versuchen. Könnte es sein, dass das bisherige Rekrutierungsverfahren nichts taugt? Nicht mehr ganz neue Studien zeigen, dass viele Frauen sich trotz gleicher Qualifikation weniger zutrauen als Männer und sich an den Netzwerkanlässen und in Bewerbungsverfahren weniger vordrängen. Unternehmen müssen sie aktiv suchen, sie vielleicht zwei- oder sogar dreimal bitten, um ihnen klarzumachen, dass sie in der Teppichetage erwünscht sind. Falls sie es denn sind.

Eine Geschäftsleitung, die sich diesen Effort nicht leisten will, setzt sich zu Recht dem Verdacht aus, an einer Veränderung wenig interessiert zu sein. Hier kann nur die Frauenquote zum Umdenken verhelfen. Die Frauen wären in einem solchen Fall gefordert und sollten sich vom Attribut «Quotenfrau» nicht abschrecken lassen, denn sie haben die Gelegenheit, der Führung das Gegenteil zu beweisen, auch wenn sie hier und da «stören» mögen.

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Mandela, Gandhi – Greta?

Greta ist in London, gepostet auf Instagram. Greta ist in Reykjavik, in Rom, Mumbai, New York. New York?! Hallo? Greta fliegt also doch und predigt uns gleichzeitig die nackte Panik vor dem zerstörerischen Klimawandel? Undenkbar. Die Ikone, Vorbild einer ganzen Generation, unerschütterlicher Fels in der Brandung gegen Klimaleugner, kann und darf sich Fehltritte dieser Art nicht leisten.

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Klimaschutz ist Mainstream – die Next Generation wird urteilen, ob das genügt

Am 4. Januar durfte ich 20 Jahre rauchfrei feiern. Seit einem Jahr habe ich kein Auto mehr, ich achte seit sieben Jahren auf bewusste Ernährung und meine Bilanz bezüglich Wiederverwertung der gekauften Lebensmittel (sprich aktives Engagement gegen Foodwaste) und der Eigenproduktion von Gemüse lassen sich sehen. Im Bereich Strom- und Wasserverbrauch bin ich definitiv noch nicht auf Kurs, aber man/frau darf sich ja noch verbessern.

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Dank dem undankbaren Aschenputtel

Warum am 5. Dezember zwei Frauen in den Bundesrat gewählt werden müssen

Nachdem Aschenputtel ihren Prinzen geheiratet hatte, merkte es bald, dass seine Schönheit nicht reichte, um sich auf Augenhöhe mit ihm zu fühlen. Er hatte ihm den Hof gemacht, es erobert, es vergöttert und ihm ein hübsches Bett in einem goldenen Palast hergerichtet. Was sollte es noch mehr wollen? Der Himmel auf Erden war sein neues Leben.

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Kurze Geschichte über kleine Nöte im Alltag (4/4)

Eine Unverschämtheit der anderen Art

Olivia hatte ja schon viel Unverschämtes erlebt in ihrer Zeit als selbstständige Partyköchin. Ständig wurden sorgfältig aufbereitete Offerten auf ein unerträglich tiefes Preismass heruntergedrückt, oder es wurden plötzlich Leistungen erwartet, die nie besprochen worden waren – alles im Preis inbegriffen natürlich. Die Zeiten waren hart geworden in ihrem Business.

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Kurze Geschichten über kleine Nöte im Alltag (3/4)

Ein Dankeschön anstelle der Kündigung

Jetzt war es draussen, und Eddie hatte gerade gefühlte 20 Kilogramm Gewicht verloren. Schlecht hatte er geschlafen in den letzten Wochen. Versagensangst plagte ihn. Sein Projekt würde in einem Desaster enden, und die Schuld dafür könnte er niemandem als sich selbst zuschieben.

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Kurze Geschichten über kleine Nöte im Alltag (2/4)

Feindbild Feiertage

Auch Silvia verbindet Feiertage mit Fest, Freude, Liebe, Entspannung, Schenken… so wie alle. Nur: Bei ihr gibt’s eben kein Fest, keine Freude, keine Liebe, keine Geschenke, und schon gar keine Entspannung.

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